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Erzählhandwerk

Passiv

Auch bekannt als Aktiv und Passiv

Eine Satzform, in der das Subjekt die Handlung erfährt, statt sie auszuführen: „Das Fenster wurde eingeschlagen“ statt des aktiven „Sam schlug das Fenster ein“. Im Deutschen meist mit „werden“ und dem Partizip II gebildet.

Derselbe Fehler, auf zwei Arten berichtet.

Passiv
Es wurden Fehler gemacht.
Aktiv
Ich habe vergessen, die Bestellung abzuschicken.

In der Praxis

Im Aktiv tut das Subjekt des Satzes etwas: „Der Hund beißt den Briefträger.“ Im Passiv erleidet das Subjekt die Handlung, und wer sie ausführt, rückt in eine „von“-Ergänzung oder verschwindet ganz: „Der Briefträger wird vom Hund gebissen“ oder einfach „Der Briefträger wird gebissen.“ Beide Sätze berichten dasselbe. Es ändert sich, wer vorne im Satz steht und ob die Lesenden erfahren, wer es getan hat.

Das deutsche Vorgangspassiv erkennst du an „werden“ plus Partizip II: wird geschrieben, wurde gebaut, ist genehmigt worden. Daneben gibt es das Zustandspassiv mit „sein“: „Die Tür ist geschlossen“ beschreibt einen Zustand, nicht eine Handlung. Im Englischen heißt das Passiv passive voice und wird mit „to be“ plus Partizip gebildet („The window was broken“). Ein englischer Merktrick: Passt „by zombies“ hinter das Verb, ist der Satz passiv.

Das Passiv ist kein Grammatikfehler, und es ist nicht dasselbe wie schwacher Stil, Vergangenheit oder ein langer Satz. Es ist eine Entscheidung über Gewichtung. Stilratgeber empfehlen meist das Aktiv, weil es kürzer ist und klarer sagt, wer verantwortlich ist. Doch selbst der englische Klassiker The Elements of Style nennt das Passiv „häufig bequem und manchmal notwendig“, etwa wenn der Handelnde unbekannt, unwichtig oder bewusst verborgen ist.

Aktiv und Passiv in einer Szene über Schuld

Ein Lagerleiter erklärt eine fehlende Lieferung

INT. LAGERBÜRO - NACHT

Das Telefon ist auf Lautsprecher gestellt. RENATA (50er) steht mit verschränkten Armen am Fenster. TOM (30er) liest eine ausgedruckte E-Mail vor.

TOM

„Es wurden Fehler gemacht, und die Bestellung wurde nicht rechtzeitig verschickt.“

RENATA

Lies es andersherum.

TOM

Ich habe vergessen, die Bestellung abzuschicken.

Langes Schweigen im Lautsprecher. Renata löst die Arme.

Toms E-Mail versteckt den Handelnden zweimal: „Es wurden Fehler gemacht“ und „die Bestellung wurde nicht verschickt“ sagen nie, von wem. Renatas Bitte macht daraus einen aktiven Satz mit Subjekt, und daraus entsteht die Spannung der Szene. Das Passiv ist hier eine Entscheidung der Figur, kein Stilfehler, und die Szene setzt es bewusst ein.

Aktiv und Passiv: Beispiele

Paare, die dasselbe sagen: Aktiv „Der Ausschuss genehmigt den Haushalt.“ Passiv „Der Haushalt wird vom Ausschuss genehmigt.“ Aktiv „Jemand hat mein Fahrrad gestohlen.“ Passiv „Mein Fahrrad ist gestohlen worden.“ Aktiv „Der Sturm wird die Straßen sperren.“ Passiv „Die Straßen werden durch den Sturm gesperrt werden.“ Die Zeitform bleibt gleich; Aktiv und Passiv sind eine eigene Entscheidung.

Es gibt zwei Arten. Das Passiv mit Urheber nennt den Handelnden mit „von“ oder „durch“: „Der Roman wurde von Christa Wolf geschrieben.“ Das Passiv ohne Urheber lässt ihn weg: „Der Roman wurde 1968 geschrieben.“ Das zweite versteckt Verantwortung, und das solltest du beim Überarbeiten zuerst prüfen. Im Deutschen gibt es sogar ein unpersönliches Passiv ohne Subjekt: „Hier wird nicht geraucht.“

Manche Sätze sehen passiv aus, sind es aber nicht. „Sie wird müde“ verwendet „werden“ mit einem Adjektiv, keine Handlung an ihr. „Er wird morgen kommen“ ist Futur, also aktiv. „Die Tür ist geschlossen“ kann einen Zustand beschreiben (sie ist zu) statt einer Handlung (jemand hat sie geschlossen). Frag dich: Gibt es jemanden, der etwas mit dem Subjekt tut?

Wann das Passiv sinnvoll ist

Nutze das Passiv, wenn der Handelnde unbekannt ist („Das Gemälde wurde 1990 gestohlen“), offensichtlich („Sie wurde 2005 zur Kanzlerin gewählt“) oder weniger wichtig als das, was jemandem geschehen ist („Drei Menschen wurden verletzt“). Nachrichten, Fachtexte und Rechtstexte verwenden es aus diesen Gründen. Ein Laborbericht schreibt „die Probe wurde auf 90 Grad erhitzt“, weil die Probe zählt, nicht die Person am Brenner.

Nutze es, um zu steuern, was im Satz vorne und hinten steht. Bekanntes steht gern am Anfang, Neues am Ende. „Den Preis bekam ein Fremder. Der Fremde wurde später als ihr Bruder erkannt“ hält „der Fremde“ an der Spitze und verbindet die beiden Sätze. Ein aktiver zweiter Satz würde diese Kette zerreißen.

Meide es, wenn es verschleiert, wer verantwortlich ist, in Texten, die klar sein müssen: Anleitungen, Feedback, Entschuldigungen und Argumente. „Es wurden Fehler gemacht“ ist eine berühmte Politikerfloskel, weil sie einen Fehler zugibt, ohne jemanden zu nennen. Wenn deine Lesenden wissen müssen, wer etwas getan hat, sag es.

Passiv ins Aktiv umwandeln

Such den Handelnden, stell ihn als Subjekt an den Anfang und mach aus „werden + Partizip“ ein gewöhnliches Verb. „Der Bericht wurde vom Praktikanten geschrieben“ wird zu „Der Praktikant schrieb den Bericht.“ Fehlt die „von“-Ergänzung, musst du den Handelnden selbst ergänzen: „Die Entscheidung wurde gestern getroffen“ wird zu „Der Vorstand traf gestern die Entscheidung.“

Ändere nicht jedes Passiv automatisch. Grammatikprogramme markieren das Passiv, als wäre es ein Fehler, aber ein Satz wie „Sie wurde in Hamburg geboren“ hat keine brauchbare aktive Fassung. Überarbeite ein Passiv, wenn das Aktiv kürzer, klarer oder ehrlicher sagt, wer gehandelt hat; behalte es, wenn es das Richtige nach vorne stellt.

Das Passiv in Prosa und Drehbuch

In der Prosa kann das Passiv Rätsel oder Ohnmacht erzeugen. „Die Tür wurde geöffnet“ lässt fragen: von wem? Das ist in einer Horrorszene nützlich und in einer gewöhnlichen störend. Eine Figur, die im Passiv spricht, klingt oft ausweichend, förmlich oder bürokratisch, und das verrät viel über sie in einer Zeile, so wie Toms E-Mail oben.

Die Handlungszeilen eines Drehbuchs stehen fast immer im Aktiv und im Präsens, weil sie beschreiben, was das Publikum gerade sieht: „Mara knallt die Schublade zu“, nicht „Die Schublade wird von Mara zugeknallt.“ Eine passive Handlungszeile kann funktionieren, wenn der Handelnde absichtlich nicht im Bild ist („Das Licht wird abgeschaltet“). Eine Seite voller Passivsätze liest sich aber langsam und lässt die Handlung wirken, als geschehe sie niemandem.

Eine Fünf-Minuten-Überarbeitung

Nimm einen Absatz, den du kürzlich geschrieben hast, und unterstreiche jedes „wird“, „wurde“, „werden“ oder „worden“ mit einem Partizip. Notiere bei jedem, wer handelt. Kannst du den Handelnden nicht nennen, frag dich, ob die Lesenden ihn kennen müssen. Wenn ja, schreib den Satz ins Aktiv um.

Mach dann einmal das Umgekehrte. Wähle einen aktiven Satz, in dem das Betroffene wichtiger ist als der Handelnde, und setz ihn ins Passiv. Lies den Absatz laut. Das Ziel ist nicht null Passivsätze, sondern ein Absatz, in dem jeder Satz bewusst das Wichtige zuerst nennt.

Häufige Fragen

Was ist das Passiv?

Das Passiv ist eine Satzform, in der das Subjekt die Handlung erleidet, statt sie auszuführen, etwa „Der Kuchen wird gegessen.“ Im Deutschen wird es meist mit „werden“ und dem Partizip II gebildet.

Was ist das Aktiv?

Das Aktiv ist die Satzform, in der das Subjekt die Handlung ausführt, etwa „Sam isst den Kuchen.“ Die meisten Sätze stehen im Aktiv, und die meisten Stilratgeber empfehlen es als Standard.

Was ist der Unterschied zwischen Aktiv und Passiv?

Im Aktiv ist der Handelnde das Subjekt („Der Koch verbrennt den Toast“). Im Passiv ist das Betroffene das Subjekt, und der Handelnde folgt mit „von“ oder fällt weg („Der Toast wird verbrannt“).

Ist das Passiv falsch?

Nein. Das Passiv ist grammatisch korrekt. Es ist eine schlechte Wahl, wenn es verschleiert, wer etwas getan hat, oder einen Satz grundlos verlängert, und eine gute, wenn der Handelnde unbekannt oder unwichtig ist.

Wie erkennt man das Passiv?

Achte auf eine Form von „werden“ mit Partizip II, etwa „wurde geschrieben“ oder „ist genehmigt worden“. Im Englischen hilft der Trick, „by zombies“ hinter das Verb zu setzen: Ergibt der Satz noch Sinn, ist er passiv.

Ist Vergangenheit dasselbe wie Passiv?

Nein. Die Zeitform betrifft die Zeit, Aktiv und Passiv betreffen, wer handelt. „Sie schrieb den Brief“ ist Vergangenheit und Aktiv, „Der Brief wird jedes Jahr geschrieben“ ist Präsens und Passiv. Jede Zeitform gibt es in beiden Formen.

Gehört das Passiv ins Drehbuch?

Selten. Handlungszeilen beschreiben im Präsens, was das Publikum sieht, und das Aktiv hält sie schnell und klar. Setz das Passiv nur ein, wenn du den Handelnden bewusst aus dem Bild halten willst.