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Erzählhandwerk

Exigenz

Auch bekannt als exigence

Das Problem, Ereignis oder Bedürfnis, das einen Text auslöst und ihn gerade jetzt dringlich macht. Eine gestrichene Buslinie ist die Exigenz für die Rede einer Schülerin; ihr Ziel ist, was dagegen geschehen soll.

Zwei Anfänge für dieselbe Rede vor der Schülervertretung.

Ohne Exigenz
Ich finde, alle Schüler verdienen eine Stimme.
Exigenz zuerst
Seit Montag laufen vierzig von uns im Dunkeln heim.

In der Praxis

Exigenz ist das Problem, der Anlass oder der Mangel, der einen Text genau jetzt nötig macht. Ein überfluteter Keller ist die Exigenz für den Anruf beim Vermieter, eine neue Schulregel die Exigenz für einen Leserbrief, eine Hochzeit die Exigenz für eine Tischrede. Nimm die Exigenz weg, und der Text verliert seinen Grund zu existieren. Deshalb lohnt es sich, sie zu benennen, bevor du einen Text analysierst oder selbst schreibst.

Der Begriff stammt aus der Rhetorik, der Lehre davon, wie Rede und Schrift überzeugen. Lloyd Bitzer beschrieb sie 1968 in seinem Aufsatz „The Rhetorical Situation“ als „eine Unvollkommenheit, die von Dringlichkeit geprägt ist“: etwas, das falsch ist, fehlt oder bevorsteht und das Worte verändern können. Im englischsprachigen Schreibunterricht steht Exigenz neben Publikum, Absicht, Sprecher und Kontext als ein Teil der rhetorischen Situation, auf die ein Text antwortet.

Exigenz ist nicht dasselbe wie Absicht. Die Exigenz ist, was passiert ist oder was auf dem Spiel steht; die Absicht ist, was der Schreibende dagegen tun will. Martin Luther Kings „Brief aus dem Gefängnis in Birmingham“ hat eine klare Exigenz, eine Erklärung von acht Geistlichen, die seine Proteste „unklug und unzeitgemäß“ nannten, und eine Absicht, die darauf antwortet: gewaltfreie direkte Aktion zu verteidigen und gemäßigte Leser zu gewinnen.

Exigenz in einer Szene, in der eine Rede umgeschrieben wird

Eine Kandidatin für die Schülervertretung wirft ihren ersten Entwurf weg

INT. SCHULBIBLIOTHEK - TAG

MAYA (17) liest ihre Rede vom Laptop ab. Ihr Wahlkampfleiter DEV (17) isst Chips und schaut nicht auf.

MAYA

„Ich glaube, jede Schülerin und jeder Schüler verdient eine Stimme.“ Guter Einstieg, oder?

DEV

Niemand wählt einen Glauben. Seit Montag fährt der Spätbus nicht mehr. Die halbe Leichtathletik-AG läuft jetzt im Dunkeln nach Hause.

Maya hält inne. Sie löscht die erste Zeile und tippt: „Seit Montag laufen vierzig von uns nach dem Training im Dunkeln heim.“

MAYA

Okay. Jetzt geht es um etwas.

Mayas erster Einstieg hat eine Absicht, Stimmen gewinnen, aber keine Exigenz: Nichts ist passiert, das „jeder verdient eine Stimme“ dringlich macht. Dev liefert ihr die Exigenz, den gestrichenen Bus, und aus einem Slogan wird eine Antwort. Ihre neue erste Zeile nennt das Problem, bevor sie ihr Anliegen nennt.

Beispiele für Exigenz, vom Alltag bis zur Geschichte

Im Alltag ist Exigenz am deutlichsten. Ein Produktrückruf löst die Entschuldigungsmail eines Unternehmens aus. Eine Mieterhöhung löst den Brief einer Mieterin aus. Eine schlechte Bewertung löst die Antwort des Inhabers aus. In jedem Fall kannst du auf ein Ereignis zeigen und sagen: Ohne das würde niemand schreiben.

Auch berühmte Reden antworten auf eine Exigenz. Lincolns Gettysburg Address antwortete auf die Einweihung eines Soldatenfriedhofs Monate nach der Schlacht. Rachel Carsons „Der stumme Frühling“ antwortete auf die Verbreitung von Pestiziden wie DDT. Willy Brandts Rede nach dem Mauerfall im November 1989 antwortete auf ein Ereignis, das die Menschen in Berlin am Abend davor erlebt hatten.

Die Exigenz kann auch eine Lücke sein statt einer Katastrophe. Ein Text kann auf eine fehlende Erklärung antworten (niemand hat dieses Gesetz verständlich erklärt), auf einen verbreiteten Fehler (alle verwenden dieses Wort falsch) oder auf einen nahen Termin (die Abstimmung ist nächste Woche). Diese Lücke zu benennen macht den ersten Absatz eines Essays oft stark.

Exigenz in der rhetorischen Situation: Publikum, Absicht und Kontext

Die rhetorische Situation ist alles, was ein Text berücksichtigen muss: wer spricht, wer zuhört, warum jetzt, was erreicht werden soll und was den Moment umgibt. Exigenz beantwortet „Warum jetzt?“, das Publikum „Für wen?“, die Absicht „Wozu?“ und der Kontext „Unter welchen Umständen?“. Eine vollständige Analyse benennt alles und zeigt, wie es zusammenhängt.

Exigenz und Kontext überschneiden sich, sind aber nicht gleich. Kontext ist der weitere Rahmen, etwa die Bürgerrechtsbewegung 1963. Exigenz ist der konkrete Anlass darin, die Erklärung der Geistlichen. Sei so konkret wie möglich: ein Datum, ein Ereignis, ein Dokument, eine Entscheidung. „Rassismus“ ist Kontext; „die Erklärung vom 12. April in den Birmingham News“ ist Exigenz.

Nicht alle folgen Bitzer. Richard Vatz argumentierte 1973, dass Schreibende die Exigenz erst erschaffen, indem sie entscheiden, was sie dringlich nennen. Beide Sichten helfen beim Schreiben: Manche Anlässe gibt es schon vorher, aber ein guter Einstieg muss sie den Lesenden trotzdem spürbar machen.

So findest du die Exigenz eines Textes

Stell drei Fragen. Was ist kurz vor diesem Text passiert oder passiert gerade? Was nennt der Text falsch, fehlend oder gefährdet? Was soll nach dem Lesen anders sein? Die Antwort auf die ersten beiden ist meist die Exigenz, die dritte ist die Absicht.

Achte auf den Anfang und das Datum. Oft steht die Exigenz im ersten Absatz („Kürzlich las ich Ihre Erklärung …“) oder hinter einem Zeitwort: heute, diese Woche, seit der Entscheidung, letzten Monat. Nennt der Text kein Datum, prüfe, wann und wo er erschienen ist; das Ereignis, auf das er antwortet, liegt meist nah.

In einer Redeanalyse gehört die Exigenz in die Einleitung, in einem präzisen Satz: wer, was den Text ausgelöst hat und wann. Komm darauf zurück, wenn du ein Stilmittel erklärst. „Weil die Geistlichen die Proteste unzeitgemäß nannten, verwendet King drei Absätze darauf, warum Warten gescheitert ist“ verbindet eine rhetorische Entscheidung mit ihrer Ursache.

Exigenz in Geschichten, Reden und Drehbüchern

Figuren brauchen eine Exigenz, wenn sie lange sprechen. Ein Monolog, eine Tischrede, ein Schlussplädoyer oder eine Kabinenansprache wirkt, wenn die Szene vorher einen Grund liefert, jetzt zu sprechen: Das Urteil steht bevor, das Team liegt zur Halbzeit zurück, jemand hat gerade die Braut beleidigt. Ohne diesen Druck klingt eine große Rede so, als spräche der Autor durch die Figur.

Derselbe Test hilft beim Einstieg in eine Szene. Wenn du nicht sagen kannst, was gerade passiert ist, das dieses Gespräch erzwingt, beginnt die Szene vielleicht zu früh. Prüfe eine Rede gegen die Szene davor: Liefert sie das Ereignis, auf das die Rede antwortet? Wenn nicht, ergänze es oder schneide direkt zu dem Moment, in dem die Rede nötig wird.

Eine Fünf-Minuten-Übung zur Exigenz

Nimm die Einleitung eines Entwurfs und schreib einen Satz darüber, der mit „Das ist jetzt wichtig, weil …“ beginnt. Beende ihn mit einem konkreten Ereignis, Datum oder Problem, nicht mit einem allgemeinen Wert. Kannst du ihn nicht beenden, hat dein Entwurf eine Absicht, aber noch keine Exigenz. Such das Ereignis, das das Thema für deine Lesenden dringlich macht.

Schreib jetzt deine erste Zeile so um, dass sie die Exigenz vor deiner These nennt, so wie Mayas Rede von „jeder verdient eine Stimme“ zu „seit Montag laufen vierzig von uns im Dunkeln heim“ wechselt. Lies beide Versionen laut. Die zweite klingt meist weniger beeindruckend und überzeugt mehr. Genau darum geht es.

Häufige Fragen

Was ist Exigenz?

Exigenz ist das Problem, das Ereignis oder der Bedarf, der einen Text auslöst und dringlich macht. Sie beantwortet die Frage: Warum wird das gerade jetzt geschrieben?

Was ist ein Beispiel für Exigenz?

Eine Mieterin schreibt dem Vermieter, weil im Januar die Heizung ausgefallen ist. Die kaputte Heizung ist die Exigenz: das konkrete Problem, das den Brief in diesem Moment nötig gemacht hat.

Was ist der Unterschied zwischen Exigenz und Absicht?

Die Exigenz ist der Auslöser, etwa ein Ereignis oder ein Problem. Die Absicht ist, was der Text darauf antwortend erreichen will: überzeugen, erklären oder zum Handeln auffordern.

Wie spricht man Exigenz aus?

Im Deutschen „Ek-si-GENZ“ mit Betonung auf der letzten Silbe. Das englische exigence spricht man meist „EK-si-dschens“ aus. Verwandt ist exigency, ein dringender Bedarf.

Wie beschreibt man die Exigenz in einer Redeanalyse?

Nenne sie in der Einleitung in einem präzisen Satz: das Ereignis oder Problem, das den Text ausgelöst hat, möglichst mit Datum. Greif sie wieder auf, wenn du erklärst, warum der Text eine bestimmte Entscheidung trifft.

Ist Exigenz dasselbe wie Kontext?

Nein. Kontext ist der weitere Rahmen eines Textes, etwa seine Epoche oder Bewegung. Exigenz ist der konkrete Anlass darin, das Ereignis oder Problem, auf das der Text direkt antwortet.

Wer hat den Begriff Exigenz geprägt?

Das Wort ist alt, seine Bedeutung in der Rhetorik stammt vor allem aus Lloyd Bitzers Aufsatz „The Rhetorical Situation“ von 1968, der Exigenz als dringliche Unvollkommenheit beschrieb, die Sprache verändern kann.