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Erzählhandwerk

Bildungsroman

Auch bekannt als Coming-of-Age-Geschichte · Coming-of-Age-Roman

Eine Coming-of-Age-Geschichte, die die seelische und moralische Entwicklung einer jungen Hauptfigur bis ins Erwachsenenalter erzählt. Wilhelm Meisters Lehrjahre ist das Vorbild; Große Erwartungen, Jane Eyre, Moonlight und Lady Bird folgen derselben Form.

In der Praxis

Ein Bildungsroman erzählt, wie jemand zu sich selbst wird. Er begleitet eine junge Hauptfigur von der Kindheit oder Jugend ins Erwachsenenalter, durch die Verluste, Fehler und Lektionen, die ihren Charakter formen. Die Handlung kann still oder ereignisreich sein, ihr eigentliches Thema ist immer dasselbe: wer diese Person am Anfang war, wer sie am Ende ist und was es gekostet hat, dorthin zu kommen.

Im Film heißt der Bildungsroman meist Coming-of-Age-Geschichte, und er gehört zu den verlässlichsten Genres überhaupt. Stand by Me, Lady Bird, Moonlight und Boyhood folgen seiner Form, ebenso unzählige Debütromane, weil viele mit einer Version ihrer eigenen Jugend beginnen. Die Form schenkt einer Geschichte einen eingebauten Bogen: Das Erwachsenwerden der Hauptfigur ist die Handlung.

Die häufigsten Fehler sind eine Hauptfigur, die sich verändert, weil die Geschichte es braucht, und nicht wegen dessen, was geschieht, eine episodische Struktur, in der sich die Szenen beliebig vertauschen ließen, und ein Schluss, der die Lehre verkündet. Die besten Coming-of-Age-Geschichten zeigen Reife in einer Handlung, einer Entscheidung, die die Hauptfigur am Anfang nicht hätte treffen können.

Die letzte Station einer Coming-of-Age-Geschichte

Eine Tochter packt fürs Studium

INT. NORAS KINDERZIMMER - TAG

Überall Kartons. NORA (18) klebt den letzten zu. Ihre MUTTER (50er) steht in der Tür, einen ausgeblichenen Pullover in der Hand, den Nora auf dem Bett liegen gelassen hat.

MUTTER

Den wirst du brauchen. Da ist es kalt.

NORA

Ich nehme nichts aus diesem Zimmer mit.

Eine lange Pause. Nora geht hinüber, nimmt den Pullover und zieht ihn über.

NORA (WEITER)

Nur den.

Das ist das Ende eines Bogens, nicht der Bogen selbst. Früher in der Geschichte hätte Noras Erwachsenwerden wie Ablehnung ausgesehen: ihrer Mutter, ihrer Stadt, dieses Zimmers. Hier sieht Reife anders aus. Sie geht trotzdem, aber sie kann ein Stück Zuhause mitnehmen, ohne es als Niederlage zu empfinden. Das Publikum liest die Veränderung an einer Geste ab, und so sollte ein Bildungsroman enden: mit einer Entscheidung, die das Mädchen aus dem ersten Akt nicht hätte treffen können.

Was ein Bildungsroman ist

Ein Bildungsroman ist ein Roman der Formung: eine Geschichte über die seelische und moralische Entwicklung einer Hauptfigur von der Jugend zum Erwachsensein. Das Wort setzt sich aus Bildung im Sinn von Formung und Erziehung und Roman zusammen. Das Englische hat es als Lehnwort übernommen, bildungsroman, im Plural bildungsromans oder bildungsromane.

Geprägt hat den Begriff der Literaturwissenschaftler Karl Morgenstern um 1819; bekannt gemacht hat ihn später im Jahrhundert der Philosoph Wilhelm Dilthey. Beide nahmen Goethes Wilhelm Meisters Lehrjahre (1795–96) zum Vorbild: Ein junger Mann verlässt sein Zuhause, um seinen Platz in der Welt zu finden, irrt sich in Kunst und Liebe und findet schließlich in ein reifes, tätiges Leben.

Heute steht der Begriff für jede Geschichte mit diesem Bogen, in Literatur wie Film. Er deckt sich fast vollständig mit „Coming-of-Age-Geschichte“, auch wenn manche Kritiker Bildungsroman für Werke reservieren, die die Hauptfigur über Jahre begleiten, und Coming-of-Age für Geschichten, die einen einzigen prägenden Sommer oder ein Ereignis festhalten.

Die Stationen eines Bildungsromans

Die meisten Bildungsromane beginnen mit einem Verlust oder einem Aufbruch. Ein Elternteil stirbt, eine Familie zerbricht oder die Hauptfigur verlässt ihr Zuhause, freiwillig oder gezwungen. Jane Eyre ist eine Waise, die in eine harte Schule geschickt wird; Pip in Große Erwartungen wird durch ein geheimnisvolles Vermögen aus seinem Dorf gehoben. Der Bruch gibt der jungen Figur einen Grund, in die Welt hinauszugehen.

Die Mitte der Geschichte ist eine Lehrzeit, oft eine schmerzhafte. Die Hauptfigur prüft ihre Vorstellungen an der Wirklichkeit, verliebt sich, wählt die falschen Mentoren oder Freunde und stößt an die Regeln der Gesellschaft, zu der sie gehören will. Jeder Fehler lehrt sie etwas über die Welt und über sich selbst.

Das Ende bringt Reife: Die Hauptfigur findet ein Gleichgewicht zwischen dem, was sie will, und dem, was die Welt zulässt. Manchmal heißt das, sich in die Gesellschaft einzufügen, manchmal, sie zu den eigenen Bedingungen abzulehnen. Die klassische Form endet in Versöhnung; viele moderne Fassungen enden damit, dass die Hauptfigur geht, klüger, aber nicht versöhnt.

Beispiele für Bildungsromane in Literatur und Film

Charles Dickens schrieb zwei der bekanntesten englischen Bildungsromane, David Copperfield und Große Erwartungen, die beide einen Jungen durch Armut, Ehrgeiz und Enttäuschung ins Erwachsenenleben begleiten. Charlotte Brontës Jane Eyre (1847) folgt ihrer Heldin von einer lieblosen Kindheit in ein unabhängiges Leben, und Louisa May Alcotts Little Women erzählt vom Aufwachsen vierer Schwestern. Im Deutschen reicht die Linie von Goethe über Gottfried Kellers Der grüne Heinrich bis zu Thomas Manns Der Zauberberg.

Zu den Beispielen des 20. Jahrhunderts gehören James Joyces Ein Porträt des Künstlers als junger Mann, Harper Lees Wer die Nachtigall stört, erzählt von Scout, die in ihrer Stadt etwas über Gerechtigkeit lernt, und J. D. Salingers Der Fänger im Roggen, der oft als Coming-of-Age-Roman unterrichtet wird, obwohl er nur wenige Tage aus Holden Caulfields Leben umfasst.

Der Film hat sich die Form zu eigen gemacht. Richard Linklaters Boyhood wurde über zwölf Jahre mit demselben jungen Darsteller gedreht, sodass das Publikum ihn buchstäblich aufwachsen sieht. Barry Jenkins’ Moonlight folgt Chiron in drei Kapiteln, als Kind, als Jugendlichem und als Erwachsenem. Greta Gerwigs Lady Bird und Rob Reiners Stand by Me verdichten das Erwachsenwerden auf ein einziges Jahr oder eine einzige Reise.

Arten des Bildungsromans

Der Künstlerroman folgt der Entwicklung eines Künstlers und endet damit, dass die Hauptfigur ihre Berufung entdeckt. Joyces Ein Porträt des Künstlers als junger Mann ist das Standardbeispiel; Stephen Dedalus bereitet sich am Ende des Buches darauf vor, Irland zu verlassen, um Schriftsteller zu werden.

Der Erziehungsroman stellt Schule und Erziehung in den Mittelpunkt, während der Entwicklungsroman die allgemeine Entwicklung einer Figur beschreibt, ohne den vollen gesellschaftlichen Weg. Diese Begriffe verwendet vor allem die Literaturwissenschaft, sie erinnern aber daran, wie viele Spielarten die Form hat.

Kritikerinnen sprechen auch vom weiblichen Bildungsroman, der einer jungen Frau folgt, deren Entwicklung von den Erwartungen an Frauen ihrer Zeit geprägt und begrenzt wird, wie in Jane Eyre, Little Women und Lady Bird. Viele neuere Coming-of-Age-Geschichten stellen außerdem eingewanderte, queere und Arbeiterfiguren ins Zentrum, deren Suche nach einem Platz in der Gesellschaft unter zusätzlichem Druck steht.

Wie du eine Coming-of-Age-Geschichte schreibst

Leg die Veränderung fest, bevor du anfängst. Schreib auf, was die Hauptfigur auf der ersten Seite über sich und die Welt glaubt und was sie am Ende glaubt. Jede wichtige Szene sollte auf diesen Glauben drücken, damit das Wachstum das Rückgrat der Geschichte ist und nicht nur eine Stimmung.

Lass die Fehler zählen. Junge Hauptfiguren lernen, indem sie sich irren, und das Publikum muss diese Fehler und ihre Folgen sehen. Ein falscher Freund, ein gebrochenes Vertrauen oder ein gescheiterter Ehrgeiz geben der Figur etwas Echtes, aus dem sie lernen kann, und der Geschichte ihre Wendepunkte.

Zeig Reife in einer Entscheidung. Der letzte Beweis, dass die Hauptfigur gewachsen ist, sollte eine Handlung sein, die sie am Anfang nicht hätte ausführen können: einem Elternteil vergeben, einen Traum loslassen, sich gegen einen Freund stellen. Verzichte auf eine Schlussrede darüber, was sie gelernt hat; das Publikum versteht die Veränderung, wenn die Entscheidung klar ist.

Häufige Fragen

Was bedeutet Bildungsroman?

Ein Bildungsroman ist ein Roman, der die Entwicklung einer jungen Hauptfigur von der Kindheit oder Jugend bis ins Erwachsenenalter erzählt. Bildung meint hier Formung und Erziehung. Im Film spricht man meist von einer Coming-of-Age-Geschichte.

Wie wird Bildungsroman auf Englisch ausgesprochen?

Im Englischen sagt man ungefähr BIL-dungz-roh-mahn. Das Wort wurde aus dem Deutschen übernommen, deshalb steht es dort klein geschrieben im Wörterbuch, und der Plural lautet bildungsromans oder bildungsromane.

Was sind Beispiele für Bildungsromane?

Klassische Beispiele sind Goethes Wilhelm Meisters Lehrjahre, Kellers Der grüne Heinrich, Dickens’ Große Erwartungen und David Copperfield, Jane Eyre und Ein Porträt des Künstlers als junger Mann. Im Film stehen Boyhood, Moonlight, Lady Bird und Stand by Me in derselben Tradition.

Ist ein Bildungsroman dasselbe wie eine Coming-of-Age-Geschichte?

Fast. Die Begriffe werden oft gleichbedeutend verwendet. Manche Kritiker reservieren Bildungsroman für Geschichten, die eine Figur über viele Jahre bis ins Erwachsenenalter begleiten, und Coming-of-Age für Geschichten über einen kürzeren prägenden Abschnitt, etwa einen Sommer.

Ist der Bildungsroman ein Genre?

Ja. Der Bildungsroman ist ein Genre oder Untergenre des Romans, bestimmt durch sein Thema: die Entwicklung eines jungen Menschen. Er lässt sich mit anderen Genres verbinden, es gibt also Fantasy-, Science-Fiction- und Krimigeschichten, die zugleich Bildungsromane sind.

Was ist ein Künstlerroman?

Ein Künstlerroman ist eine Spielart des Bildungsromans, die der Entwicklung eines Künstlers folgt und damit endet, dass er seine Berufung findet. James Joyces Ein Porträt des Künstlers als junger Mann ist das bekannteste Beispiel.

Ist Der Fänger im Roggen ein Bildungsroman?

Er wird meist als Coming-of-Age-Roman unterrichtet, weil es in Holden Caulfields Kampf ums Erwachsenwerden geht. Streng genommen umfasst er nur wenige Tage und nicht Jahre der Entwicklung, deshalb nennen ihn manche Kritiker eher eine Coming-of-Age-Geschichte als einen vollen Bildungsroman.